Namenskontroversen in der Wikipedia – Elliot Page und andere

Anfang Dezember gab der bis dato als „Ellen Page“ geläufige Hollywood-Star (2008 Oscar-nominiert und zu u.a. zu sehen in „X-Men“-Filmen) bekannt, transgender zu sein und fortan den Namen „Elliot Page“ zu tragen. Im sogenannten Artikelnamens, quasi dem öffentlichen Teil der Wikipedia, wirkt sich das so aus, dass Elliot Page beispielsweise bei der Oscar-Nominierung 2008 unter seinem männlichen Namen für die beste weibliche Hauptrolle steht. Eine Fußnote erläutert diesen Umstand. [1] In Crew-Angaben zu Filmen hat sich die Community entschieden, „Elliot Page (als Ellen Page)“ zu schreiben, wie beispielsweise beim Film „Juno“ sichtbar wird. [2] Und im Personenartikel, der entsprechend der Bekanntmachung vollständig auf das neue Personalpronomen umgestellt wurde, finden sich nun Formulierungen wie

  • „Am 14. Februar 2014 outete Page sich [...] als lesbisch. Seitdem spricht er [...] offen über die Probleme, die sein Leben vor dem Outing beinhaltete“ oder
  • „Das US-amerikanische Time-Magazin führte Page 2019 im Artikel Meet 15 Women Leading the Fight Against Climate Change als eine von 15 Frauen, die den Kampf gegen den Klimawandel anführen, auf.[13]“.

in dem Artikel. [3] Für Außenstehende klingt das alles sicherlich recht komisch, was umso mehr gilt, wenn man um die Regel beispielsweise bei Fußballvereinen oder Städten weiß, die im jeweiligen historischen Kontext den damals gültigen Namen verwenden. So war Mathias Herget Spieler bei Bayer 05 Uerdingen (heute ist das Lemma eine Weiterleitung auf KFC Uerdingen) und Immanuel Kant kam in Königsberg zur Welt (heute Kaliningrad). Insofern scheint es logisch, bei einer Person, die in der Öffentlichkeit stand und unter dem damaligen Namen z.B. auf Postern, in Vor- und Abspännen, auf DVD-Hüllen sowie zahlreichen korrespondierenden Medienberichten unter einem bestimmten Namen stand, weiterhin diesen Namen in alten Kontexten stehen zu lassen, schließlich ist unter dem alten Personennamen eine Weiterleitung eingerichtet.

Intensive Diskussionen u.a. in der RFF und auf VM

An dieser Stelle kommt zum Tragen, das die Wikipedia in gewisser Hinsicht ein anarchisches Konstrukt ist, bei dem sich die User in wechselnden Konstellationen gewisse Regeln geben – mal im „neutralen“ Meta-Bereich (wo alle Themen behandelt werden, Löschanträge beispielsweise), mal in speziellen Ecken wie der „Redaktion Film und Fernsehen“ (WP:RFF). Dort findet sich auf der Diskussionseite der entsprechende, intensiv diskutierte Werdegang bei der Entscheidungsfindung.

Darüber hinaus hagelte es allein am 12. Dezember diverse sogenannte „Vandalismusmeldungen“ (die kurze bis empfindliche Zeitstrafen nach sich ziehen können) bezüglich der Causa waren drei Filme (Freeheld, Hard Candy, Juno), mehrfach der Benutzer Serienfan2010 sowie die Benutzer RAL 1028, Jensbest, Koyaanis und Achim Raschka betroffen. Auch hier wurde intensiv diskutiert, was denn angemessen bzw. das richtige Verhalten sein.

Erkenntnisgewinn aus der „Causa Elliot Page“

Wer sich (bisheriger) Konsument der Wikipedia die Zeit nimmt, allein die verlinkten Diskussionen bei der Redaktion Film und Fernsehen (RFF) sowie bei den Vandalismusmeldungen aufmerksam zu lesen, dürfte zu folgenden Erkenntnissen kommen:

  • Einige Benutzer sind schon recht lange dabei, kennen das formelle wie informelle Regelwerk, wissen es einzusetzen und können auf dieser Basis bestens argumentieren.
  • Einige Benutzer haben (ob nun immer oder nur bei einem „Herzensanliegen“) augenscheinlich recht viel Zeit, um für ihre Sicht der Dinge zu kämpfen.
  • Wer (zu) emotional wird, sich im Ton vergreift (Verstoß gegen die eherne Wikipedia-Regel „Keine persönlichen Angriffe“) oder Bearbeitungen gegen einen Konsens vornimmt, kann auf der Wikipedia-internen Anklagebank der Vandalismeldung landen.

Die Frage ist jetzt, welche Schlussfolgerungen sich aus diesen Erkenntnissen ergeben...

Konkrete Tipps für Wikipedia-Bearbeitungen

Wer sich (bisheriger) Konsument der Wikipedia die Zeit nimmt, allein die verlinkten Diskussionen bei der Red

Der wichtigste Punkt an dieser Stelle ist meiner Meinung nach, die Erkenntnisse zu abstrahieren, also von der „Causa Elliot Page“ zu lösen. Emotionale Reaktionen können sich schließlich auch ergeben, wenn ein selbst erstellter vermeintlich unberechtigt massiv bearbeitet oder gar mit einem Löschantrag versehen wird, wenn man als enzyklopädisch relevante Person (z.B. als Hochschulprofessor) den eigenen Artikel bearbeitet, die Bearbeitungen aber rückgängig gemacht werden, ober wenn man als Mitarbeiter eines Museums oder eines Unternehmens, Bearbeitungen am Artikel über den Arbeitgeber vornimmt. Meine konkreten Handlungsempfehlungen lauten:

  • Auch wenn man eine starke Meinung hat, lohnt es sich, von heißen Diskussionen die Finger zu lassen, wenn man nicht oder nicht direkt betroffen ist. Das gilt umso mehr, wenn einem noch die Erfahrungen fehlen. Die Gefahr, sich sprichwörtlich die Finger zu verbrennen, ist zu groß.
  • Gibt es einen guten Grund, sich in (kontroversen) Diskussionen einzubringen (etwa Löschanträgen auf das eigene Museum oder Unternehmen), reicht es aus, am Anfang oder in der Mitte ein, zwei Beiträge einsteuern und dann abzuwarten. Paraprasierte Beiträge stoßen selten auf Freude. Im Regelfall pendeln sich Diskussionen immer dahingehend aus, dass von allein unterschiedliche Positionen Eingang finden.
  • Auch wenn es schwerfällt: Immer ruhig und sachlich bleiben. Sachargumente anführen. Beleidigungen oder Provokationen ignorieren.
  • Wenn es gelebte Regeln oder einen neuen Konsens gibt, dies auch zwingend beachten. Sich über das Regelwerk hinwegzusetzen, kommt gar nicht gut an.

Ein konkretes Beispiel und weitere Namenskontroversen

Was mit den vorstehenden Tipps gemeint ist, lässt sich beispielsweise auf der Benutzerdiskussion von Vvvvn849 nachlesen, genauer: in den Beiträgen „Deinen Löschwunsch“ und „Guten Tag“. Dort raten zwei erfahrene Benutzer einem Neuling, der einen Angabe zufolge das kurzzeitige TV-Gesicht Svenja Ahmann ist, in der selbst initiierten Löschdiskussion die Füße still zu halten. Ausgangspunkt war der Wunsch der ehemaligen Moderatorin, wenigstens das Geburtsdatum nicht mehr im Netz veröffentlicht zu wissen, um Missbrauch der biographischen Daten vorzubeugen. Die Diskussion war recht lang, recht intensiv und mit Sicherheit kein Zuckerschlecken für Vvvvn849, auch wenn am Ende die gewünschte Löschung der Daten stand. Dies hat dann übrigens ein Administrator entschieden, während bei Elliot Page die Community die Entscheidung getroffen hat, ob und in welcher Form der Deadname (sprich der Geburtsname) verschwindet.

Zu den weiteren Namenskontroversen gehört beispielsweise die Nennung des bürgerlichen Namens des Hackers Tron, die im Januar 2006 zu der einstweiligen Verfügung geführt hat, dass wikipedia.de nicht auf de.wikipedia.org weiterleiten dürfe.

Ähnlich wie bei Svenja Ahmann sah es im Januar bei der Erotikdarstellerin Wanita Tan aus, einen Löschantrag auf ihren Artikel stellte, weil sie aufgrund privater Daten für Betrügereien angreifbar sei. Da Tan aufgrund des Regelwerks der deutschsprachigen Wikipedia eindeutig relevant war, lief der Kompromiss darauf hinaus, die unerwünschten persönlichen Daten zu löschen und gleich alle Artikelversionen, in denen diese ebenfalls vorhanden waren.

Eine dritte Variante findet sich bei der Comedian-Kunstfigur „Atze Schröder“. Deren Erfinder lehnt laut erstem Satz in dem Artikel „eine Offenlegung seiner bürgerlichen Identität“ ab. Die deutschsprachige Wikipedia wurde dem zwischenzeitlich gerecht, wie sich im Archiv der Diskussionsseite erkennen lässt. „Normale“ Nutzer der Wikipedia finden da üblicherweise nicht hin, aber neben dem Abschnitt zu einem entsprechenden Gerichtsurteil findet sich dort auch ein Abschnitt zum bürgerlichen Namen... Ansonsten weist sein Artikel die Besonderheit auf, dass drei Übersetzungen bzw. andere Sprachversionen verlinkt sind (alemannisch, englisch, Simple English), in der englischen Sprachvariante aber zusätzlich noch französisch und türkisch. An der Stelle schließt sich sozusagen der Kreis, dass die Wikipedia in gewisser Hinsicht anarchisch ist und sich ihre Regeln selbst gibt, denn in der englischen Wikipedia wird unter dem Lemma „Atze Schröder“ direkt im Fließtext der bürgerliche Name genannt, während die französische und türkische Wikipedia den bürgerlichen Namen als Lemma genommen haben...