„Sockenpuppen“ und Manipulationen am Beispiel Claas Relotius

Zum ehemaligen Der Spiegel-Mann Claas Relotius, der erst hoch gelobt wurde und dann über „Jägers Grenze“ (bzw. die Beharrlichkeit seines Co-Autors Juan Moreno) gestolpert ist, wurde in der Publikumspresse schon viel geschrieben. Schauen wir hier und heute mal kurz darauf, wie es bezüglich Wikipedia aussieht...

Relotius war schon vorher Wikipedia-relevant

Kommt jeder Journalist und/oder Redakteur in die Wikipedia? Die Antwort lautet: Nein – und die Begründung findet sich auf der Unterseite der „Relevanzkriterien“. Dort heißt es sinngemäß, dass Journalisten Chefredakteure „relevanter Titel“ oder Ressortleiter bei großen Blätter sein sein. Das heißt: Der Chefredakteur eines Magazins wie der Wirtschaftswoche ist automatisch relevant, ebenso der Leiter des Ressorts Wirtschaft bei der FAZ – um zwei beliebige Medien herauszugreifen.

Warum hatte Relotius dann einen eigenen Wikipedia-Artikel? Die Antwort lautet: weil die Relevanzkriterien etwas feiner ausdifferenziert sind. Auch junge bzw. „Nachwuchsjournalisten“ haben ihre Chance auf einen eigenen Eintrag, wenn sie Träger/Gewinner eines renommierten Journalistenpreise sind. Und davon hat Relotius vor seinem Fall bekanntlich eine Menge gesammelt. Gereicht für einen Wikipedia-Artikel hat indes schon der erste renommierte Preis.

Wikipedia mag keine Manipulationen

Das Konzept der Wikipedia als „Jekami – jeder kann mitmachen“ hat zwei Seiten. In Nischenthemen oder beim konzertierten Engagement verschiedener Nutzer können langfristig nicht-neutrale Wertungen oder gar Fälschungen platziert werden, im Gegenzug werden Manipulationen bei häufig frequentierten Seiten schnell entdeckt. Wenn das passiert und wenn es zudem um aktuelle/heikle/prominente Themen bzw. Menschen geht, bekommt manchmal auch die Publikumspresse Wind davon und steigert die Reichweite.

So erging es auch Claas Relotius, wie am 8. November sowohl der Tagesspiegel („Fälschungen im Beitrag zu Claas Relotius“) und die Welt („Die Relativierung des Relotius-Skandals auf Wikipedia“) schreiben. Über einen gewissen Zeitraum wurde sein Wikipedia-Artikel „geschönt“ und das sogar mit Fälschungen – die Community indes hat erst ordentlich geprüft und dann diese Änderungen rückgängig gemacht.

Für Einsteiger sind die beiden vorgenannten Artikel ganz interessant, weil sie vergleichsweise oberflächlich aus journalistischer Sicht – und mit recht wenig Fachbegriffen aus der Wikipedia-Welt – die Manipulationsversuche nachzeichen.

Deutlich besser, weil in die Tiefe gehend, ist der einen Tag später veröffentlichte FAZ-Artikel („Er wäre gerne Kal May“). Er bekommt das Wechselspiel von Manipulatoren und aufmerksamen „Altnutzern“ besser hin und verlinkt auch in den „Meta“-Raum der Wikipedia. Mit letzterem gemeint ist der Bereich, den normale Leser üblicherweise nie sehen, weil sich dort die ganzen internen Diskussionen abspielen.

Methoden der Wikipedia gegen Manipulatoren und Fälscher...

Welche Werkezuge und Methoden wendet die Wikipedia bei Manipulationen an? Die Antwort lautet: Es gibt ein ganzes Bündel an Optionen... Im Regelfall fängt es mit Aufmerksamkeit und etwas Detektivarbeit an.

Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussionsseite. Der entsprechende Link findet sich links oben auf Höhe des Wikipedia-Logos. Haben Autoren Anmerkungen und/oder Zweifel, hinterlassen sie dort ihre Beiträge. Hier geht es zur Diskussionsseite von Claas Relotius.

Ebenfalls eine interessante Anlaufstelle ist die Versionsgeschichte, die  bei „Claas Relotius“ so aussieht. Dort kann jeder Nutzer nachlesen, welcher Autor zu welche Datum welchen Inhalt beigetragen hat.

Wenn es dann tatsächlich hart auf hart kommt, also auch nur ein einzelner Autor aus der Wikipedia-Gemeinschaft der Meinung ist, dass jemand „projektschädigend“ arbeitet, lassen sich im Kern drei Eskalationsstufen zünden:

  1. den Löschantrag: Im Fall von Manipulationen wird das Werkzeug üblicherweise nur genutzt, wenn der Artikel neu ist und er in seiner Gesamtheit nach Fake aussieht. (Darüber hinaus gibt es einen Haufen weiterer Löschgründe, die hier aber nicht aufgeführt werden.)
  2. die Vandalismusmeldung: Auf dieser Unterseite kann jeder Nutzer gemeldet werden, beispielsweise weil er in seinen Bearbeitungen „keinen Willen zur enzyklopädischen Mitarbeit“ zeigt oder „vandalierend“ immer wieder bestimmte Informationen aus einem Artikel streicht oder nicht belegte Informationen einfügen will. Auf dieser Unterseite kann diskutiert werden, am Ende entscheidet ein Administrator über eventuelle Maßnahmen wie eine partielle oder dauerhafte Sperre.
  3. den Check-User-Antrag: Da die Anonymität ein extrem hohes Gut für die Wikipedia ist, gibt es nur wenige Berechtigte, die einen solchen Antrag bearbeiten können. Dabei werden die benutzten IP-Adressen verschiedener Konten miteinander abgeglichen. Diese Option kommt üblicherweise dann zum Tragen, wenn es eine irritierende Häufung von Konten gibt, die sich gemeinsam an einem Thema abarbeiten.

...und wie sie Autoren zu Claas Relotius getroffen haben

Da der Wikipedia-Artikel zu Claas Relotius eindeutig relevant ist (Journalistenpreise, siehe oben), ist der Kampf der Community gegen Manipulationen von der Diskussionsseite zur Vandalismusmeldung gesprungen. Konkret: Am 29. September wurde „PreRap“, einer der Hauptautoren mit wohlwollenden Bearbeitungen zu Claas Relotius, das Ziel einer solchen Meldung. Administrativ wurde zur härtesten Maßnahme gegriffen – der dauerhaften Sperrung. 

Über die Manipulationen an dem Artikel zu Claas Relotius kam es zudem zu einem Check-User-Antrag, der hier auf der Diskussionsseite angeregt wurde. Dabei ist ein „Sockenpuppen-Kartell“ (FAZ) aufgeflogen – also ein ganzes Bündel an Konten, die alle zielgerichtet an einem Artikel arbeiten und mutmaßlich von einer Person betrieben werden.

Key Learnings zur Nutzung von Wikipedia

Was können speziell Unternehmen aus Relotius' PR-Desaster auf Wikipedia lernen? Aus meiner Sicht müssen sie sich an die nachfolgenden Leitsätze halten:

  1. Die Wikipedia mag Transparenz. Wenn Sie an Artikeln zum Unternehmen, zu Produkten oder zu Personen aus dem Unternehmen etwas ändern wollen, legen sie ein eigenes Profil an, benennen es eindeutig und verknüpfen Sie es auf der Benutzerseite mit Ihrem Unternehmen (z.B. dem Link auf das Impressum).
  2. Arbeiten Sie bei Wikipedia-Artikeln enzyklopädisch. Hauseigene Pressemitteilungen, eine Unternehmensbroschüre oder PR-Artikel sind eine Sache – Wikipedia-Artikel sind eine andere Sache. Aussagen müssen belegt sein (am Besten mit externen Quellen), Artikel sollten ausgewogen sein. Falschaussagen können und müssen Sie korrigieren, aber Kritik „weichspülen“ oder ganz entfernen fällt im Regelfall auf. Das haben diverse Unternehmen schon festgestellt.
  3. Gehen Sie mit einer gewissen Demut an das Community-Projekt heran. Über die Jahre haben sich einige formelle und informelle Regeln entwickelt – auch im Umgang untereinander und gegenüber Unternehmen. Weite Teile der Community pflegen einen ehrenamtliche Ethos und verstehen sich eben nicht als die kostenlose, ausgelagerte PR-Abteilung von Unternehmen. Daher können manche Autoren einen recht harten Ton anschlagen, wenn Unternehmen zu forsch (und ohne Kenntnis der internen Regeln) ihre Wünsche vortragen.

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